De[Re]Konstruktion – Theater.

De[RE]Konstruktion – Theater   |  Grzegorz G. Zgraja
Interaktive Video- Musikinstallation in den Ruinen des Stadttheaters »Victoria« in Gliwice/Polen und dem Fränkischen Spitalmuseum in Aub/Deutschland.

 

 »De[Re]Konstruktion – Theater« / KonzeptIn Zusammenarbeit mit dem Gleiwitzer Musiktheater und der 1995 gegründeten Stiftung der Theaterruine entsteht im Zuschauersaal des alten Gleiwitzer Stadttheaters eine audio-visuelle Installation, die nicht nur den gesamten Raum umfasst, sondern diesen auch auf seine augen-scheinlichen Grenzen hin abtastet.1900 unter dem Namen Victoria erbaut, blickt das Theater auf eine bewegte Vergangenheit zurück, die von seiner Verstaatlichung im Jahre 1914 über seine fast vollständige Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkrieges und fehlgeschlagene Baumaßnahmen bis zu seiner Wieder-entdeckung in den 90er Jahren reicht.
In der speziell für diesen Ort konzipierten Installation werden die einzelnen Elemente dieser Historie gesammelt und einem Mosaik gleich dem Zuschauer präsentiert. Thematisch wird dabei auf Fragen von Dokumentation und Geschichtsschreibung angespielt und dem Zuschauer durch die Interaktivität der Installation die Möglichkeit gegeben, die vorhandenen Fragmente immer wieder neu zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen und zu erschließen.

Den zentralen Punkt der Installation bildet die dem Eingang des Saals gegenüberliegende Bühne, auf der eine Projektionsfläche installiert wird. Vier Filme werden abwechselnd auf dieser Fläche zu sehen sein. Zum einen bestehend aus animiertem und collagiertem Archiv-material, das die Hochphase des Theaters reflektiert, zum anderen aus Animationen, die den aktuellen Raum abbilden und auf Baumaßnahmen, die in den letzten Jahren zur Erhaltung des Gebäudes vorgenommen wurden, verweisen.
Eine Zäsur zwischen Vergangenheit und Gegenwart bildet dabei ein Film, der einen brennenden Vorhang simuliert und damit auf das vorläufige Ende des Theaters durch einen Brand im März 1945 anspielt.
Gegenüber der Bühne werden die alten Ränge teilweise durch eine weitere Projektionsfläche verdeckt. Gezeigt wird die direkte Internet-Übertragung der in Aub agierender Tanzgruppe.

Die Gleichzeitigkeit von Vergangenem und Gegenwärtigem als zentrales Moment der Installation und die damit beinhaltete Fülle von Ereignissen und Zuständen, lösen den Raum als schlichte Architektur auf. Vergessenes und Verborgenes treten zu Tage und scheinen das Gebäude (das von außen nur schwerlich als Theater zu identifizieren ist) zu überschwemmen.

Aus dem Gliwicer Theater wird eine Aufführung im Jahre 2008 live nach Aub übertragen. Diese findet im Rahmen eines europäischen Kulturprogramms statt. In einer multimedialen Produktion wird das Theaterdenkmal in Gliwice Ausgangspunkt für eine Simultanaufführung aus Musik und Rauminstallation in Polen und Tanz in Deutschland. Im vom Autor gestalteten Innenraum des historischen Theatergebäudes in Gliwice werden von Musikern des Gliwicki Teatr Muzyczny und deutschen Vokalsolisten Werke von Jürgen Schmitt und Christoph Wünsch aufgeführt. Die mit-wirkende Tanzkompanie des Gliwicki Teatr Muzyczny tanzt allerdings in Deutschland in der projizierten Kulisse des Theaters Gliwice. Die Tanzaktionen ihrerseits werden per Projektion nach Gliwice rückübertragen. So entsteht simultan in Polen und Deutschland jeweils eine Version der aufgeführten Werke. Somit initiiert man die Aktionen im Zusammenhang dieses deutsch-polnischen Kulturaustauschs, die in Gliwice ihre Gestalt annehmen. Der hohe innovative und experimentelle Stellenwert sowie der besondere Charakter dieser interdisziplinären Installation liegen darin begründet, dass zwei Publika an verschiedenen Orten, die mehrere hundert Kilo-meter auseinander liegen, zur gleichen Zeit bewusst an einer gemeinsamen Veranstaltung teil-nehmen. Menschen in Gliwice und Aub erleben gleichzeitig ein Event, das Auge und Ohr anspricht.

Ein Forschungsprojekt von Grzegorz G. Zgraja, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, in Zusammenarbeit mit Ars Musica in Aub, der Musikhochschule Würzburg und dem Musiktheater Gliwice/Polen.

Grzegorz G. Zgraja
Februar 2006
Überarbeitet im August 2007